Worte, Wörter, Wörterbücher (Teil 1)

Titel des Buches: "Worte, Wörter, Wörterbücher"Unter diesem Titel habe ich zusammen mit einem Kollegen vor vielen, vielen Jahren eine Sammelpublikation zum Thema „Wörterbuch machen“ herausgegeben. Hier und an vielen anderen Stellen haben Kollegen und  ich (z.B. in der Zeitschrift HERMES) darüber nachgedacht, wie man das Entwickeln von Wörterbüchern mit Computern unterstützen und wie die Informationen in Wörterbüchern gegliedert sein müssen, damit sie maschinell verwaltet und abgerufen werden können. All dies ist, wie gesagt schon viel Jahre her. Genauer: in den 1980er und 1990er Jahren. Inzwischen wurden die damaligen Zukunftsvisonen weit übertroffen. Wörterbücher gibt es im Internet frei zugänglich und es soll schon Schüler geben, die sich bei ihren fremdsprachlichen Unterrichts- und Abiturvorbereitungen allein auf www.leo.org verlassen.

Hier möchte ich besonders auf zwei lexikographische Hilfsmittel im Internet hinweisen, die diesen Namen verdienen.
Sie erschließen lexikographische, lexikologische, aber auch grammatische Informationen für alle Menschen, die mit Sprache arbeiten – kostenlos.
Die Informationen in diesen Wort-Datenbanken sind Deskriptionen, das heißt, Sie beziehen sich auf den nachweisbaren Sprachgebrauch. Sie versuchen nicht vermeintlich richtigen Sprachgebrauch zu vorzuschreiben.
Das heißt man erfährt nicht, was richtig oder falsch sei, sondern der Sprachnutzer kann nachschauen, in welcher Gesellschaft er sich befindet, wenn er oder sie ein Wort oder eine Fügung in einer bestimmten Weise benutzt.

Das DWDS – Das Digitale Wörterbuch der deutschen Sprache (www.dwds.de)

liefert Auswertungen aus seinem umfangreichen Kernkorpus.

Die Auswahl der Texte wurde von der Arbeitsgruppe DWDS und Mitgliedern der Berlin-Brandenburgischen Akademie der Wissenschaften begleitet und begutachtet. Ziel war es, dem Ideal der Repräsentativität möglichst nahe zu kommen, und ein lexikographisches Corpus zusammenzustellen, das als ausgewogen und hinreichend groß in Bezug auf den Forschungsgegenstand „deutscher Wortschatz des 20. Jahrhunderts“ bewertet werden kann. Das DWDS-Kerncorpus ist folgendermaßen verteilt:

  • Schöne Literatur (ca. 26%)
  • Journalistische Prosa (ca. 27%)
  • Fachprosa (ca. 22%)
  • (Transkribierte) Texte gesprochener Sprache (ca. 5%)“
  • Gebrauchstexte (ca. 20%)
Außerdem erhält man den entsprechenden Artikel aus dem Wörterbuch der Gegenwartssprache, das unter Lexikographen als eines der besten Wörterbücher der Deutschen gilt. Wobei sich die Bezeichnung „Gegenwartssprache“ auf die Sprache bis 1977 bezieht. Dennoch hat es Maßstäbe für die einsprachige Lexikographie des Deutschen gesetzt.
Die Informationen aus dem Korpus und dem Wörterbuch werden miteinander verknüpft, so dass man sowohl die (typischen) Wortnachbarschaften (aus dem Korpus) als auch semantische Beziehungen der nachgeschlagenen Lexeme (Wörter) erhält.
Das DWDS ist eine Wortdatenbank von hoher Beschreibungsqualität. Eine Wortdatenbank, die sich die o.g. lexikographischen Träumer bereits in den 80er und 90er Jahren gewünscht haben.

Das Wortschatzportal der Universität Leipzig (wortschatz.uni-leipzig.de)

ist ebenfalls eine deskriptive Wort-Datenbank, die die Informationen zur deutschen Lexik aus „öffentlich zugänglichen Quallen automatisch“ erhebt. Außer diesen spärlichen Informationen auf der Startseite erfährt man nicht viel darüber, wie das Korpus zusammengesetzt ist. Die Informationen, die man nach einer Anfrage erhält sind sehr ausführlich und mit den Einträgen in der Datenbank verlinkt. Nicht so schön wie im DWDS, aber dennoch informativ ist der Kollokationsgraph. Dazu gibt es links und Relationen zu anderen Wörtern und Wortgruppen. Sehr hilfreich ist die Einordnung des aufgesuchten Lexems (Wortes) in die Bedeutungsgruppen von Dornseiffs „Deutschen Wortschatz in Sachgruppen“, den es m.E. leider nicht online gibt, die neueste Ausgabe (8.Auflage) gibt es allerdings mit CD-ROM.
Darüber hinaus erhält man im Portal eine Zusammenstellung der Wörter des Tages:
Die »Wörter des Tages« zeigen, welche Begriffe heute besonders aktuell sind. Dazu werden verschiedene Tageszeitungen und Newsdienste täglich ausgewertet. […] Die Aktualität eines Begriffs ergibt sich aus seiner Häufigkeit heute, verglichen mit seiner durchschnittlichen Häufigkeit über längere Zeit hinweg.
So fanden sich, folgerichtig vor und nach der Vorstellungs von Apples iPad, die Wörter AppleMac und iPhone und Apple-Chef bei den Wörtern des Tages am 26.1. und am 27.1.Gerne würde ich erfahren, welche Quellen für das Gesamtkorpus und für die „Wörter des Tages“ ausgewertet werden …
Alles in Allem ist auch das Wortschatzportal der Uni Leipzig und gutes Werkzeug für Spracharbeiter/innen.
Beide vorgestellten lexikalischen Datenbanken sind hervorragende Werkzeuge für jede/n die/der mit Sprache arbeitet. Wenn ich manche Texte lese (online oder in der realen Welt), wünsche ich den Werkzeugen eine größere Bekanntheit und eine intensivere Nutzung.
(… wird fortgesetzt)
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Diesmal proaktiv: das Unwort des Jahres.

Nicht ein die öffentliche Diskussion bestimmendes Wort wurde diesmal von der Jury zum Unwort des Jahres gekürt, sondern ein Wort, das, nach Kenntnis der Juroren, in nur einem Betrieb verwendet wurde. Jedesfalls wurde nur diese eine Verwendung öffentlich gemacht. Das Unwort des Jahres 2009, das von einer Jury um den em. Professor für Sprachwissenschaft Horst Dieter Schlosser gewählt wurde, ist betriebsratverseucht. Unter den über  900 Vorschlägen war es keinesfalls das häufigste. Die Jury wollte diesmal eine Diskussion anstoßen und nicht mehr nur abbilden, gibt Schlosser zu Protokoll. betriebsratverseucht sei ein Wort, „das gleichsam im Kommen ist, da wollten wir stopp sagen“.

Hmh …, die Verwendung sprachlicher Mittel scheint mir eher ein Reflex auf gesellschaftliche Verhältnisse zu sein. Insofern sind die jährlich gekürten Unwörter ein Beitrag zur Analyse des Zustandes unserer Gesellschaft. Auch proaktiv ein Wort zu küren, um auf gesellschaftliche Entwicklungen aufmerksam zu machen ist sicherlich wichtig.

Mich würde allerdings interessieren, was Schlosser meint, wenn er im Interview mit der tagesschau sagt, dass er „stop“ sagen wolle. Zunächst macht eine solche Wahl das Wort ja eher populär (im Sinne von „in aller Munde“) – und natürlich kommt es dann auf den „Index“. Ob das aber die Bekämpfung des Ungeistes des mangelnden Respektes vor den arbeitenden Menschen ist, die sich Gewerkschaftsführer Bsirke im selben Interwiev erhofft, scheint mir zweifelhaft.

Ich frage mich ohnehin, ob die mancherorts sehr virtuos verwendete „politisch korrekte“ Sprache wirklich zu weniger Diskriminierung und zu mehr Gleichberechtigung und Rücksichtnahme führt.

Wie gesagt: Sprachverwendung ist ein Spiegel – und mithilfe dieses Spiegels können wir Zustände und Entwicklungen erkennen und ggf. kritisieren. Ganz sicher ändert sich nichts am Gespiegelten, wenn wir Spiegel verbieten, sie ganz oder teilweise abkleben oder die Spieglung durch Farbe verändern.

Die proaktive Geisselung des Wortes betriebsratverseucht wird sicherlich nicht den Ungeist in die Flasche zurückschicken, allenfalls wird sie ihn unsichtbar machen.

Weitere links zum Thema „Unwort des Jahres“

Focus online
Website „Unwort des Jahres“
Infos der tagesschau-Redaktion

Neue, alte Lieblingswörter

Wenn ich mein Texte (on- und offline) der letzten Zeit so ansehe, finde ich darin drei Wörter, zu denen ich per Mail oder von KorrekturleserInnen hin wieder wieder befragt werde. Wörter die sich so in meinen Wortschatz eingeschlichen haben:

krude, erklecklich und usselig

Wörter die hin und wieder sogar als Regionalismen oder veraltet diffamiert werden. Ein Anlass, der Sache mal auf den Grund zu gehen:

krude
Ein Wort, das aus dem lateinischen stammt und selbst von den Wörterbüchern des DUDEN-Verlages als „bildungssprachlich“ eingestuft wird – mit der Bedeutung „roh“, „grob“, „rüde“. Dies sind die Bedeutungen, die sich aus dem dem lateinischen crudus „roh“, „ungekocht“, „unbearbeitet“ und „rauh“ ableiten lassen. In meiner Verwendung und in Verwendungen, wie ich sie bisher gelesen habe, beschreibt es eher den Zustand „wirr“ oder „absurt“.
Diesen Widerspruch zwischen Kodifizierung im Wörterbuch und Gebrauch (im Textkorpus) dokumentiert aus das DWDS

erklecklich
Tatsächlich ein  altes deutsches Wort, das für meinen Geschmack leider viel zu selten gebraucht wird. Beschreibt es doch in einem Wort die Spanne zwischen „beträchtlich“, „erheblich“, „beachtlich“, „ziemlich groß“ auf der einen Seite und „zureichend“ und „genug“ auf der anderen Seite der Skala.  Dies dokumentiert  der Kollokationsgraph im DWDS wie auch die Beleglage in Grimms Wörterbuch

usselig
In der Tat wohl ein Regionalismus. Recherchen in meiner Bibliothek als auch in den schon genannten online-Wörterbüchern bleiben leider ohne Ergebnis. Allein das online- Wörterbuch der Ruhrgebietssprache verzeichnet das Wort und gibt die allen Kulturhaupstädter geläufige Erklärung:  usselig 1) kalt, ungemütlich; das übliche Wetter im Ruhrgebiet.

Die Regionalismen hier werden in diesem Jahr in die Welt getragen. Sie werden dann in jedem Wörterverzeichnis zu finden sein – wenn alle sich von den erklecklichen kulturellen Weiten, den kruden Sitten und dem usseligen Wetter hier in der Region haben faszinieren lassen.


Bevor das Jahr zu Ende geht …

… erhalten wir allerlei gute Wünsche, per eMail, twitter, facebook- oder andere Streams, sms usw. und natürlich auch auf Papier.

Was mir aufgefallen ist: Superlative und Originalität. Kleine Auswahl gefällig?

Man wünscht

  • ein grandioses, ein glorioses, ein bombastisches, das beste , das ertragsreichste Jahr;
  • Dein, Euer Jahr;
  • ein zuversichtliches, ein hoffnungsvolles, ein ertragreiches, ein MERKwürdiges;
  • ein gelassenes, ein tolles, ein gesundes, ein gutes Jahr.

Und natürlich Starts:

einen guten tollen, gelassenen, gesunden, hoffnungsvollen Start ins neue Jahr.

Und ich, was wünsche ich?

Einfach all das zusammen!

 

Posted via web from dr. meder & cie

„Notizbuch“ Kookkurrenzen, Kollokationen und Anekdoten

Der Notizbuchblog hat die Wortpatenschaft zu dem Wort Notizbuch übernommen. Patenschaften werden -gegen Gebühr- vom Verein Deutsche Sprache vergeben. Notizbuchblog.de wird sich als künftig darum bemühen, das Wort Notizbuch vor dem Aussterben zu bewahren. Nunja. zu den Bemühungen des VDS hatte ich hier ja schon mal was geschrieben. Ob nun das Wort Notizbuch vom Aussterben bedroht ist, so dahin gestellt. Bis zum Wiedererscheinen der Moleskin-Notizbücher, die eine alte Notizbuchkultur tatsächlich wiederbelebt haben, sah es so aus, als würden die Notizbücher selbst aussterben.
Mir scheint es jedenfalls nicht so zu sein, wie der Anglizismenindex des VDS vermutet, dass das Wort Notizbuch durch das englische notebook verdrängt wird. Bei notebook denke ich vielmehr an einen mobilen Computer (was in einer zweiten Bedeutung auch der VDS so sieht). An dieser Stelle sei eine kleine Anekdote erlaubt:

Das Wort notebook für die kleinen tragbaren Computer kannten meine Töchter schon sehr früh, noch bevor sie wirklich englisch sprechen konnten. Irgendwann einmal sahen sie das Wort von mir geschrieben und wunderten sich über die Schreibweise. Sie meinten es müsse doch not book geschrieben werden, da es ja kein Buch sei. Ein Notizbuch (eben notebook) sei es ja ganz sicher nicht.

Ganz bestimmt: trotz der Affinität der Jugend zur englischen Sprache, aussterben werden unsere Wörter deshalb sicher nicht.

Zurück zur Wortpatenschaft, die Notizbuchblog übernommen hat: Als erste Tat zur Rettung des Wortes gibt es einen Artikel mit morphologischen Angaben zum Wort und zu den Kookkurrenzen des Wortes. Diese sind aber ganz außerordentlich vom verwendeten Textkorpus abhängig. Dies erklärt die vom Notizbuchblog festgestellten Merkwürdigkeiten. Ich empfehle das DWDS (Das Digitale Wörberuch der deutschen Sprache des 20. Jh.) als ersten Angang um etwas über das Wort zu erfahren. Es basiert auf der Arbeit der Sprachwissenschaftler der Berliner Akademie der Wissenschaften und war schon in seiner Buchform als Wörterbuch der Gegenwartssprache eines der besten Wörterbücher des deutschen Sprachraumes (vergesst den DUDEN!!). In seiner derzeitigen Fassung ist das DWDS  ein ein Wortinformationssystem in dem Wörterbuchartikel mit Textbeispielen und statistischen Kookurrenzinformationen verknüpft werden.
Befragt man dieses Wortinformationsstem zu Notizbuch, bekommt man allerlei Interessantes heraus. Unter anderem eben auch Kollokationen, die doch etwas klarer sind, als die zitierten Kookkurrenzangaben und die graphisch so dargestellt werden:

Die Graphik ist dem DWDS nach der Suche nach Notizbuch entnommen und gibt die Wortnachbarschaften (Kollokationen) von Notizbuch wieder. Einen Verweis auf das DWDS gibt es auch im Artikel des Notizbuchblog.
Über diese Visualiserung des der Kollokationen hinaus erhält der Nutzer noch eine Menge weiterer sehr nützlicher Informationen zu dieser Lexemfügung (Notiz+Buch). Unter anderem viele  Belege (der registrierte Nutzer: 260; Registrierung kostenlos) des Wortes in echten Kontexten. Eine Fundgrube für jede/n Spracharbeiter/in!
Da die Korpustexte über einen ganzen Zeitraum gesammelt wurden, bekommt man auch Infromationen zur Statistik der gesuchen Wörter. Die Statistik von Notizbuch zeigt, dass die Verwendung von Notizbuch in der Belletristik seit den 20er Jahren des letzten Jahrhunderts stark abgenommen hat, in den 60er Jahren eine Blüte hatte und nun beharrlich abnimmt. In Zeitungstexten und in der „Gebrauchsliteratur“ dagegen nimmt die Verwendung des Wortes wieder zu.
Statistik Notizbuch
Es gibt also noch Grund zur Hoffnung …

Strengstens verboten …

Vorbotsschild

Verbotsschild

Jaja, Deutschland ist das Land der Verbote – das wissen wir ja. Darüber zu schreiben lohnt sich nicht wirklich.
Beim Anblick dieses Schildes ging mir etwas anderes durch den Kopf: Was ist eigentlich der Unterschied zwischen verbotenstreng verbotenstrengsten verboten (gibt es auch noch allerstrengstens verboten?)
Ich denke schon, dass man mit Worten viel bei Menschen bewirken kann (ob man auch etwas erreichen kann, ist eine andere Frage) – aber: verhindert ein adverbialer Superlativ (strengstens) eher als eine simple Prädikation (ist verboten), dass ein Naturschutzgebiet betreten wird?
Oder, anderer Ansatz, gibt es vielleicht verschiedenartige Naturschutzgebiete? Solche die zu betreten verboten ist, solche die zu betreten streng verboten und solche die zu betreten strengstens verboten ist?

Schälmesser

Auswahl an Schälmesser

Auswahl an Schälmessern

Vor längerem hatten wir Besucher von weiter weg hier in Fischlaken. Da Fischlaken nicht ganz so weit von Solingen entfernt ist und die Zeit gerade passte, haben wir vorgeschlagen zum Zöppkesmarkt nach Solingen zu fahren.

„Was für’n Markt“, fragte der Ostwestfale,“Zöppkes?. Was ist denn das?“ Uns war das ganz klar, weil ein Teil der Familie meiner Frau von dort kommt. In meiner Herkunftsfamilie nannten wir das gleiche Ding Hümmelchen oder Hümmchen, gemäßigte Varianten von Hümmelken (aus dem eher westlichen Westfalen). Im Ruhrgebiet ist es auch bekannt unter dem Namen Pittermesser. Mache behaupten, ein Pittermesser sei im Unterschied zum Hümmelken nicht gezackt. Mir sind aber auch noch keine Hümmchen gezackt untergekommen.

Wie nennen Sie diese kleinen Messer, die zum Obst- oder Kartoffelschälen benutzt werden? Über Auskunft darüber in den Kommentaren würde ich mich sehr freuen. Mal sehen, wieviel wir zusammen bekommen. Schön wäre noch, wenn Sie dazu schreiben würden, wo in Deutschland, das Wort nach Ihrer Kenntnis benutzt wird.