Diesmal proaktiv: das Unwort des Jahres.


Nicht ein die öffentliche Diskussion bestimmendes Wort wurde diesmal von der Jury zum Unwort des Jahres gekürt, sondern ein Wort, das, nach Kenntnis der Juroren, in nur einem Betrieb verwendet wurde. Jedesfalls wurde nur diese eine Verwendung öffentlich gemacht. Das Unwort des Jahres 2009, das von einer Jury um den em. Professor für Sprachwissenschaft Horst Dieter Schlosser gewählt wurde, ist betriebsratverseucht. Unter den über  900 Vorschlägen war es keinesfalls das häufigste. Die Jury wollte diesmal eine Diskussion anstoßen und nicht mehr nur abbilden, gibt Schlosser zu Protokoll. betriebsratverseucht sei ein Wort, „das gleichsam im Kommen ist, da wollten wir stopp sagen“.

Hmh …, die Verwendung sprachlicher Mittel scheint mir eher ein Reflex auf gesellschaftliche Verhältnisse zu sein. Insofern sind die jährlich gekürten Unwörter ein Beitrag zur Analyse des Zustandes unserer Gesellschaft. Auch proaktiv ein Wort zu küren, um auf gesellschaftliche Entwicklungen aufmerksam zu machen ist sicherlich wichtig.

Mich würde allerdings interessieren, was Schlosser meint, wenn er im Interview mit der tagesschau sagt, dass er „stop“ sagen wolle. Zunächst macht eine solche Wahl das Wort ja eher populär (im Sinne von „in aller Munde“) – und natürlich kommt es dann auf den „Index“. Ob das aber die Bekämpfung des Ungeistes des mangelnden Respektes vor den arbeitenden Menschen ist, die sich Gewerkschaftsführer Bsirke im selben Interwiev erhofft, scheint mir zweifelhaft.

Ich frage mich ohnehin, ob die mancherorts sehr virtuos verwendete „politisch korrekte“ Sprache wirklich zu weniger Diskriminierung und zu mehr Gleichberechtigung und Rücksichtnahme führt.

Wie gesagt: Sprachverwendung ist ein Spiegel – und mithilfe dieses Spiegels können wir Zustände und Entwicklungen erkennen und ggf. kritisieren. Ganz sicher ändert sich nichts am Gespiegelten, wenn wir Spiegel verbieten, sie ganz oder teilweise abkleben oder die Spieglung durch Farbe verändern.

Die proaktive Geisselung des Wortes betriebsratverseucht wird sicherlich nicht den Ungeist in die Flasche zurückschicken, allenfalls wird sie ihn unsichtbar machen.

Weitere links zum Thema „Unwort des Jahres“

Focus online
Website „Unwort des Jahres“
Infos der tagesschau-Redaktion

Eine Antwort

  1. Zustimmung zum gelungenen Beispiel des Spiegels.

    Mein ganz persönliches Unwort (ohne jegliche Zeitbeschränkung) ist allerdings PROaktiv. Was soll das sein? Reicht aktiv nicht mehr? Gibt es auch Contraaktiv, propassiv oder contrapassiv?

    Das Schlimmste daran: Dieses Unwort geistert durch die deutsche Unternehmenslandschaft, alle plappern es nach und niemand kann es wirklich mit Inhalt füllen. Kunststück, wo nix iss… Nun gut, zugegeben, Pleonasmen waren noch nie meins…

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